Unterscheidung zwischen Daten, Informationen und Wissen. Konstruktion von Wissen als Konstruktion sozialer Wirklichkeit.

Wir lesen häufig Sätze wie: „Das Wissen der Welt nimmt immer schneller zu.“ Gemeint ist aber meistens nicht eine Zunahme des Wissens, sondern eine Zunahme der gespeicherten Daten, vielleicht noch eine Zunahme der verfügbaren Informationen. Zeit also, einige wichtige Begriffe einzuführen.

Datum

Ein Wert ohne Kontext. Beispiel: Gewicht der Bohne, Mahlgrad, Art der Röstung.

Information

Ein Wert mit Kontext. Beispiel: Wie wirkt sich die Röstung auf den Geschmack aus, wie der Mahlgrad und wie das Gewicht der Bohne?

Wissen

Ein Wert im interpretierten Kontext. Beispiel: Was macht guten Kaffee aus?

Beispiele

Wahlen

  • Daten: ausgefüllte Stimmzettel
  • Information: prozentuale Anteile der Parteien an den abgegebenen gültigen Stimmen
  • Wissen: „Es gibt einen klaren Wählerauftrag für die Fortsetzung der Großen Koalition.“

Daten von Raumsonden

  • Daten: Messwerte der Voyagersonde
  • Information: Stärke des Sonnenwinds nimmt ab, wenn man sich von der Sonne entfernt
  • Wissen: Der Rand des Sonnensystems ist 17 Mrd km von der Sonne entfernt.

Das Trügerische liegt darin, dass in jedem Schritt, beginnend mit der Datenerhebung über die Informationsdarstellung bis hin zur Wissensermittlung eine Manipulation der Wahrheit stattfindet. Vor jedem Verarbeitungsschritt liegt eine Modellbildung. Beispielsweise haben sich die Forscherinnen beim Design der Voyagersonden entschieden, wie sie Strahlung messen wollen. Genau genommen messen sie damit nicht die Strahlung, sondern die Wechselwirkung mit einem Sensor. Um ein einfacheres Beispiel zu nehmen: Ich will sehen, was meine Katze im Vorgarten anstellt. Also hänge ich eine Überwachungskamera auf und filme meine Katze beim Streunen. Bereits bei diesem Schritt habe ich eine Auswahl der Aspekte meiner Katze getroffen, die mich interessieren. Alles außerhalb des Vorgartens ignoriere ich. Ich ignoriere, wie die Katze miaut und wie sie riecht. Ich messe statt dessen die Wechselwirkung der Photonen, die von der Außenseite der Katze reflektiert durch das Objektiv der Kamera fallen, mit den Photosensoren. Aus einer Katze werden also Stromimpulse.

So geht es weiter. Ich entschließe mich, die Daten nicht als Tortendiagramm, nicht als Säulendiagramm, sondern als Fieberkurven darzustellen, weil der auf diese Weise sichbare Verlauf mir der zu sein scheint, welcher mir weiterhilft.

Ganz am Ende dampfe ich den ganzen Datenwust zu einer kurzen Aussage ein: Die Voyager-Sonde hat die Heliopause passiert. Die Katze hat sich mit dem Dackel des Nachbarn gestritten. Am Anfang standen ganze Lochsteifen, Magnetbänder, Festplatten (oder was auch immer) voller Daten, am Ende stehe ich mit einem Kuchen vor der Tür des Nachbarn, weil der arme Dackel ganz schon was abbekommen hat.

  • Die Folien zu Andrés Vortrag findet ihr hier.
  • Die Folien zu Jochims Vortrag findet ihr hier.
  • Die Informationsmenge ist nicht unser Problem

Veröffentlicht von jochim

Chaos Computer Club, Cryptoparty, Datenschutz

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3 Kommentare

  1. Die Kryptoparty wird bestimmt wieder spannend. Interessant wäre auch ein kleiner Vortrag über die Einschätzung, ob die Gefahr der Datenspionage beim deutschen User aufgrund der Datenschutzgrundverordnung verringert wurde.

  2. Interessant: Es war oft nicht klar. was nun die Daten, die Informationen und was das Wissen war. Konnte man sich nicht drüber einigen. Meine Definitionen lauten so: Informationen stehen in Medien, unabhängig von mir, während mein Wissen nur abhängig von mir besteht: Es sind Informationen, die ich mir angeeignet und zu meinem Wissen gemacht habe.
    Jochim’s Bemerkung, dass die Begriffe, die die Wissenschaft geprägt hat, oft nicht anwendbar bzw. abgrenzbar sind, und man „mit den Niederungen der Realität“ konfrontiert wird, spricht eher gegen die Wissenschaft, finde ich, gegen eine Wissenschaft, die sich nicht mit der Realität beschäftigt, abgehoben von den Menschen und ihrem Leben Begriffe prägt, um zu (erwünschten) Ergebnissen zu kommen.

    1. In meinen Augen hat die Wissenschaft kaum eine andere Möglichkeit, als zunächst eine ideale Welt mit abstrakten Konzepten zu schaffen und dann zu sehen, wie sie sich auf die Realität abbilden lässt. Newtons Fallgesetze s = 1/2 * a * t^2 und v= a * t mit a = 9,81 m/s^2 gelten in dieser Reinheit auch an keinem Punkt der Erde, weil die Erde dafür perfekte Kugelform haben, die Masse überall gleich verteilt und zudem noch Vakuum herrschen müsste. Trotzdem rechnen wir mit ihnen im Alltag, weil sie für die meisten Anwendungen hinreichend genau sind. Die gesamte Mathematik beruht auf Modellbildung. Teilweise nutzt sie Konstrukte, von denen wir nicht wissen, ob wir jemals für sie eine praktische Anwendung finden. Manchmal sind solche Abstraktionen und Vereinfachungen aber nötig, um die dahinter stehenden Konzepte überhaupt erst verstehen zu können. Die Wissenschaft begeht einen Fehler, wenn sie verlangt, die Praxis habe sich gefälligst so zu verhalten wie die Theorie. Sie hat aber recht, wenn sie zu Untersuchungszwecken nur Teilaspekte der Realität betrachtet und andere ausblendet.

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