Warum die Analogie von Analog und Digital nicht funktioniert

Menschen, die dieser Adaption von Analog zu Digital den Kampf angesagt haben, nannten sich Hacker und wurden lange Zeit von der Gesellschaft als kriminelle Eindringlinge in Computersysteme verschrien. Heute gelten sie als die Netzversteher. Nicht selten hatten sie ihr erstes Coming Out in der Computerkunst und haben gezeigt, dass das Digitale eine eigene Kultur hervorbringt, die mit der analogen Welt so wenig kompatibel ist, dass wir es als Störung, statt als Kunst verstehen: Beispielhaft sei hier das Projekt Blinkenlights genannt, aber auch die Arbeiten von Aram Bartholl.

Ob wir um das Urheberrecht ringen, ein Umdenken in Bildung oder Politik fordern oder der Verwahrlosung der Sprache durch digitale Medien den Kampf ansagen, es hat mit der unweigerlich scheiternden Adaption des Digitalen an das Analoge zu tun. Aber was ist eigentlich im Digitalen so anders und in welcher Weise beeinflussen diese Besonderheiten das Lernen und das Verstehen der digitalen Welt?

2.1. Copy by Default

Der Computer und später das Internet basierten schon immer darauf, dass Daten, also Informationen kopiert werden konnten, ohne das Original von der Kopie unterscheiden zu können. Damit einhergehend vermehrt sich die digitale Information im Gebrauch, im Gegensatz zu materiellen Gütern. Ohne dieses Phänomen hätte sich die digitale Kommunikation niemals durchgesetzt. Man stelle sich vor, E-Mails würden von einer Festplatte verschwinden, wenn sie verschickt werden. Das Internet wird also zu einer Kopiermaschine, deren Sinn und Zweck vor allem darin liegt Wissen und Informationen zu kopieren und immer wieder neu zu arrangieren.

Politische Bildung, wie jede andere Bildungssparte auch, braucht kopier- und anpassbare Quellen, sonst können Diskurse nicht weitergetragen und damit weitergeführt werden, sondern müssen immer wieder neu beginnen. Dabei sind nicht nur die Reibungsverluste immens, es wird auch zu einer Reduktion der Argumente und auszuwählenden Alternativen führen.

 2.2. Public by default

Es ist in digitalen Netzen wesentlich einfacher etwas zu veröffentlichen, als geheim zu halten. In der Kohlenstoffwelt ist es genau umgekehrt. Das hängt zum einen mit unterschiedlichen Entwürfen von Öffentlichkeit zusammen, zum anderen mit dem Zusammenfallen von Sender und Empfänger in einem Medium.

Das Internet hat zu einer Implosion des öffentlichen Raums geführt. Nie war es einfacher die Massen mit Informationen zu versorgen. Nie war es schwieriger Geheimnisse für sich zu behalten. Das Internet ist der Ort an dem der Bürger einen öffentlichen Raum vorfindet, ähnlich der griechischen Agora, an dem im arendt’schen Sinne politisches Handeln stattfinden kann. In Foren werden Meinungen diskutiert, in der Wikipedia wird um den neutralen Standpunkt gerungen, in Blogs werden politische Forderungen formuliert, Kampagnen und Petitionsplattformen organisieren den massenhaften Widerstand. Ohne die Öffentlichkeit erreichen zu können wären solche politischen Ansinnen nicht möglich.

2.3. Durchsuchbarkeit

Lange Zeit haben wir Dateien aus dem E-Mail-Eingangsordner in unterschiedliche sinnvolle Ordner sortiert, in der Hoffnung sie auch noch nach Jahren wiederzufinden. Jeder, der im Betrieb mit anderen an Projekten arbeitet, kennt das Problem der Verständigung auf eine gemeinsame Ordnerstruktur. Bei zunehmender Informationsmenge und Komplexität ist deshalb eine Überwindung der Ordnerstruktur nötig. Da es letztendlich egal ist, wo eine Information gespeichert ist, solange man sie wiederfindet, haben Ordnerstrukturen zugunsten von Volltextsuchen überlebt. Suchmaschinen haben diese Entwicklung schon lange hinter sich. Während in den Anfängen des www noch versucht wurde Katalogsysteme aufzubauen, hat sich schon seit Jahren die Volltextsuche von Google durchgesetzt. Eine Volltextsuche für die eigene Festplatte wird somit im Zeitalter der exponentiellen Zunahme von Informationen auf der Basis digitaler Netze unerlässlich.

2.4. Raum- und Zeitsouverän

Sobald Informationen einen digitalen Zustand einnahmen, war die Idee des Internets geboren. Denn nur so konnten sie auch ihrer Zweckbestimmung zugeführt werden und einem Empfänger zugestellt werden. Heute ist es das normalste von der Welt, dass Bits in Sekunden um die Welt geschickt werden. Die Kommunikation hat seitdem seltsame Zwitter aus synchroner und asynchroner Kommunikation hervorgebracht. Projektsteuerung ist heute beides und die Email ist immer häufiger das, was früher der Chat war.

Während im Digitalen Informationen one2many, many2one, many2many und one2one gleichwertig im selben Medium distribuiert werden können, ist das in der stofflichen Welt schwierig, weil es nur den Echtzeitzustand gibt. Nur technische, zumeist digitale Hilfsmittel ermöglichen eine asynchrone Darstellung der Ereignisse.

2.5. Vernetzt/ verlinkt

Der Link, also der Verweis zwischen verschiedenen Informationen, ist das Blut in den weltumspannenden Netzen. Ein Text wird durch Links zu einem Hypertext, also einem Mehr als nur Text. Hypertexte können komplexe Sachverhalte darstellen, in dem Informationen fragmentiert und miteinander verlinkt werden. Sie lassen die Abbildung komplexer Sachverhalte in einfachen Textfragmenten zu, die miteinander verbunden, immer spezifischere Informationen liefern können. Hypertexte haben die Rezeption von Texten verändert und das Neue Lernen mit Medien erst ermöglicht, weil sie dem Lernenden die Möglichkeit gibt, vom fremdbestimmten Lernweg des Pädagogen abzuweichen. Eine Entsprechung in der analogen Welt ist schwer vorstellbar. Auch wenn es in Büchern immer wieder versucht wurde, hat es der Lesbarkeit des Textes eher geschadet, als genützt, wie bei Texten mit mehr als 10 Fußnoten pro Seite.

2.6. Read/Write

Von Beginn des Internets an stand der Austausch von Informationen im Vordergrund. Es ging keinesfalls nur um neue Distributionskanäle, sondern immer um den gleichberechtigten Austausch. Bei den frühen Versionen des Netscape Navigators war der sogenannte Composer, mit dem man Webseiten erstellen konnte, in den Browser integriert. Dadurch gab es keinen Unterschied zwischen dem Browsen und dem Ins-Internet-Schreiben. Die Nutzenden konnten aber mit einer solchen Funktion wenig anfangen und so wurde die Funktion aus dem Browser entfernt. Schon zu lange wurden die Menschen darauf konditioniert nur zuzuhören. Heute haben wir Facebook und Google+, aber auch Etherpads und die Wikipedia. Das Beschreiben von Internetseiten ist zurückgekommen, aber es folgt jetzt den Gesetzen der Plattformbetreiber und nicht mehr den Vorstellungen der Nutzenden. Tim Berners Lee betonte in seinem Buch „Weaving the web” dass das Web editieren zu können genauso wichtig ist, wie durch das Web zu browsen.

Das Internet wurde als nicht als neues Medium mit neuen Möglichkeiten begriffen, sondern rekurrierte auf die Nutzungsgewohnheiten, die vom Fernsehen, Radio oder auch der Zeitung bekannt waren, bei denen der Nutzende der passive Informationsempfänger war.

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