Freifunk – das Netz in eigener Hand

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Wer sich heute mit dem Internet verbindet, bekommt mehr oder weniger deutlich die Macht derer zu spüren, die den Netzzugang ermöglichen: „Sagten wir Flatrate, also einmal monatlich pauschal zahlen und dann nach Belieben surfen? Nein, wo kämen wir da hin? Wer mehr Daten transportiert als uns passt, den drosseln wir von der Geschwindigkeit ins Modemzeitalter der Neunzigerjahre zurück. Wer Filesharing betreibt, den bremsen wir genauso, wenn wir ihm nicht gleich den Zugang ganz kappen. IP-Telefonie unterbinden wir auch. Die Leute sollen gefälligst unsere kostenpflichtigen Zusatzdienste nutzen. Statt wie früher den Leuten ordentliche Router in die Wohnung zu stellen, zwingen wir sie dazu, irgendwelchen Plastikmüll von uns zu nutzen, auf dem wir sie selbstverständlich nicht eigenmächtig die Einstellungen ändern lassen. Unter Umständen nehmen wir uns sogar heraus, in den Internetverkehr einzugreifen und Werbung einzublenden. Warum wir uns all das herausnehmen? Nun, weil wir es können.“

Wenn uns die Netzbetreiber nicht ihren Willen aufzwingen, sind es die Regierungen, die uns mit ihren Vorstellungen von einem kontrollierten, gleichgeschalteten und durchkommerzialisierten Netz zwangsbeglücken. Das böse Wort „Zensur“ nehmen sie dabei natürlich nicht in den Mund. Sie nennen es „Harmonisierung“, was letztlich nur heißt, dass man, geht es nach dem Willen der politischen Machthaber, nur die Inhalte sehen darf, die amtlicherseits für genehm erachtet wurden. Wenn es gilt, der hässlichen Fratze des Terrorismus mutig die Stirn zu bieten, dürfen Freiheits- und Grundrechte nicht störend im Weg stehen.

Glücklicherweise sieht es bisweilen in Deutschland noch einigermaßen gut aus, aber vieles deutet darauf hin, dass diese heile Welt gefährdet ist. Verschiedene Internetprovider versuchen schon seit Jahren, bestimmte Dienste im Netz zu benachteiligen und ihre Kunden in teure Zusatzangebote zu zwingen. Mehrfach gab es Versuche verschiedener Regierungen, das Internet zu zensieren. Ob das freie Internet noch lang Bestand haben wird, darf bezweifelt werden.

Es ist also an der Zeit, darüber nachzudenken, wie man ein Internet aufbauen kann, das sich weitgehend staatlicher Bevormundung entzieht. Ein Internet, in das sich die Leute einfach so einklinken, ohne irgendwen um Erlaubnis bitten, sich registrieren und Geld zahlen zu müssen.

Um es gleich zu sagen: Von der Lösung dieses Problems ist man noch weit entfernt, aber es gibt schon interessante Ansätze. Einer davon ist der Freifunk. Er beruht auf der Idee, dass einfache WLAN-Router heute schon für unter 20 € zu haben sind und dass man in Wohngebieten von WLAN-Funkzellen schon fast überflutet wird. Wie wäre es denn, wenn nicht jeder vor sich hin funkt, sondern man sich gegenseitig Bandbreite zur Verfügung stellt? Wie wäre es, wenn man nicht mehr darauf angewiesen wäre, dass die Internetprovider ein Kabel in die eigene Wohnung legen, sondern sich ein Netz quasi von selbst dadurch aufbaut, dass mehrere überlappende WLAN-Funkzellen sich miteinander verbinden?Diagram1

Nehmen wir als Beispiel die oben skizzierte Straße. In jedem Haus steht ein Freifunkrouter, der eine durch die rot gestrichelten Kreise angedeutete Funkzelle aufspannt. Überlappen sich zwei Funkzellen, verbinden sie sich zu einer, und Daten können zwischen den beiden Zellen fließen. Möchte jemand am Anfang der Straße etwas an jemanden senden, der am Ende der Straße wohnt, kann er das zwar nicht direkt, weil sein Funknetz nicht weit genug reicht, aber aufgrund der Überlappungen suchen sich die Datenpakete automatisch den Weg über mehrere Zellen. Hat darüber hinaus noch irgendein Freifunkteilnehmer einen Internetanschluss, können alle, die sich im Freifunknetz befinden, über diesen Zugang ins Internet, auch und insbesondere Leute, die zufällig mit ihren Smartphones die Straße entlanggehen.

Ja, wo kämen wir denn da hin? Warum sollte ich mein teuer bezahltes Internet mit Anderen teilen? Was ist, wenn jemand illegale Dinge veranstaltet? Dann muss ich doch haften.

Was die Kostenfrage angeht, kann man nur sagen: Ja, man schenkt Anderen etwas, von dem man in der Regel ohnehin viel zu viel hat, nämlich Internetbandbreite. Im Gegenzug kann ich hoffen, dass ich, wenn ich mit meinem Smartphone unterwegs bin, eine Freifunkzelle finde, über die ich auch surfen kann. Genau deswegen sehen Firmen wie T-Online und Netcologne so etwas gar nicht gern. Immerhin wollen sie Geld dadurch bekommen, dass sie in den Städten teure Hotspots aufstellen. Wenn auf einmal jeder Hinz und Kunz alle Leute ins Netz lässt, wird es natürlich schwer, für eine ganz ähnliche Leistung Geld zu verlangen.

Was die Störerhaftung angeht, hat sich der Freifunk eine technische Möglichkeit einfallen lassen, um seine Nutzer zu schützen. Wer seinen Internetanschluss mit dem Freifunk teilt, leitet die darüber transportierten Daten nicht etwa direkt ins Internet, sondern zum Beispiel über einen verschlüsselten Tunnel (VPN) irgendwohin, wo es entweder keine Störerhaftung gibt (beispielsweise Schweden) oder wo der VPN-Anbieter bereit ist, Abmahnanwälte abzuwimmeln (wie beim CCC Berlin der Fall). Eine hundertprozentige Garantie, dass dieses Konstrukt immer und unter allen Umständen vor juristischen Nachstellungen schützt, gibt es nicht, aber auf der anderen Seite sind keine Fälle bekannt, in denen Aufsteller von Freifunkroutern wegen Rechtsverstößen, die über diesen Routern begangen wurden, belangt wurden.

Für technisch Interessierte bietet der Freifunk noch mehr: Wer Lust hat, bietet einfach im Freifunknetz irgendwelche Dienste an, stellt einen Webserver auf, betreibt ein Forum oder verteilt freie Software. Er muss dafür niemanden um Erlaubnis fragen.

Wer sich unerkannt im Netz bewegen wil, hat mit dem Freifunk eine gute Möglichkeit, seine Spuren zu verschleiern. Zwar ist es technisch möglich, das Freifunknetz zu beobachten, aber bislang findet das allenfalls als Spielerei einiger Teilnehmer statt. Wer es schafft, die MAC-Adresse seiner Netzwerkkarte zu manipulieren, kann auch hier die Endanonymisierung erheblich erschweren. Im Zweifelsfall nutzt man TAILS. Spätestens dann dürfte es sehr schwer sein, jemanden zurückzuverfolgen.

Der Einstieg in den Freifunk ist sehr einfach: Man besorgt sich einen Router, der das Einspielen alternativer Firmware zulässt und für Freifunk geeignet ist. Das ist zum Beispiel für viele Produkte von TP-Link der Fall. Dann besorgt man sich die für dieses Gerät vorgesehene Firmware, spielt sie auf – und das war es schon. Der Router startet mit der neuen Firmware und verbindet sich mit anderen Freifunkzellen oder dem Internet, je nachdem, was vorhanden ist. Wer sich scheut, einen Router selbst mit alternativer Firmware zu bespielen, wendet sich einfach an die nächste lokale Freifunkgruppe und lässt es sich da zeigen.

Weitere Informationen gibt es unter anderem bei https://kbu.freifunk.net/

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