Schrittzähler, Pulsmesser, Körpertracker.

Selbstoptimierung zwischen Ausbeutung und Gesundheit. Wie digitale Medien unser Bild von uns selbst verändern.

Optimierung: Reproduktion und Eugenik

Reproduktionsmedizin, Pärnataldiagnostik und neue Eugenik

– in westlichen Industrieländern Prozess von Zeugung bis zur Geburt von Vermessung, Datensammlung und Normierung begleitet
– Vermeidbarkeit von Tod von Mutter und Neugeborenen durch medizinische Überwachung
> medizinische Überwachung wird immer engmaschiger
– fast jedes dritte Kind ein Kaiserschnitt
> gegenläufiger Trend zur natürlichen Geburt, Hausgeburten und Geburtshäuser, wird durch gesetzliche Haftpflichtbestimmungen in D zunehmend erschwert (2013: knapp 685 000 Geburten, davon knapp 10 000 außerklinisch)

Film über eine Liebesbeziehung eines Mannes mit Down-Syndrom:
http://www.spiegel.de/kultur/kino/film-romanze-me-too-ich-habe-das-down-syndrom-ich-liebe-dich-a-709867.html

Blog einer Mutter eines behinderten Kindes über ihre Erfahrungen:
http://kaiserinnenreich.de/

Reproduktionsmedizin
– In-vitro-Fertilisation (IVF): Verschmelzung von Spermium und Eizelle in Kulturgefäßen
– aktuelle Methode: Intracytoplasmatische Spermieninjektion ICSI > Spermium wird mittels einer Kanüle in die Einzelle injiziert > befruchtete Eizelle reift in Nährlösung, nach 2 Tagen Präimplantations diagnostik, nach 5 Tagen Einsatz in die Gebärmutter der austragenden Frau
> ein einzelnes gesundes Spermium reicht > viele Gründe für männliche Unfruchtbarkeit werden überwunden, da Spermium auch operativ aus Hoden gewonnen werden kann
– Schwangerschaften, die auf natürlichem Wege selten oder unmöglich sind, werden möglich: bei Frauen Ü40, alleinstehenden Frauen, Befruchtung mit Spermien von Fremden und von Verstorbenen (in D verboten)
– der weibliche Zyklus wird mittels Hormonen anregt, mehrere Eizellen zu produzieren > werden operativ entnommen und mit Spermium injiziert
– Entscheidung, wie viele befruchtete Eizellen am 5. Tag nach Befruchtung wieder eingesetzt werden
> um Chancen einer Schwangerschaft zu erhöhen, geht man Risiko der Mehrlingsschwangerschaft ein
– aktuelle Forschung an Methode, Mehrlingsschwangerschaften zu verhindern
– Samenspende – Samenbanken, Kriterien der Auswahl der Spender, Beispiel auf www.cryobank.com
– Stammzellforschung an Embryonen, die nicht verwendet werden > Diskussion: einerseits Embryonen werden als menschliche Wesen zum Objekt degradiert, andererseits bekommen bei einer IVF überschüssige Embryonen keine Gelegenheit, sich weiterzuentwickeln, d.h. sie sterben ohnehin > bei IVF wird menschliches Leben produziert, was dann wieder vernichtet wird (Perspektive?)
> Forschung arbeitet daran, Spermium aus Stammzelle zu züchten, d.h. in naher Zukunft wird Befruchtung ohne natürliches Spermium möglich (bei Mäusen bereits gelungen)
– Eingriff in den Prozess der Zeugung eröffnet Entscheidungsmöglichkeiten bzw. zwingt zu Entscheidungen
– Entscheidung, welche Embryonen eingesetzt werden

Pränataldiagnostik
– medizinische Untersuchungen in der Schwangerschaft, insbesondere in Hinblick auf Entwicklung des Fötus
– Versuch, mögliche Gen-Defekte oder andere Fehlbildungen beim Fötus zu erkennen
> zur frühzeitigen Behandlung
> um die Geburt des Kindes zu verhindern
– Messung bestimmter signifikanter Merkmale, die auf Defekte hindeuten können, wie z.B. Nackenfalte und Nasenbeinlänge
– immer mehr Untersuchungen zum Standard erhoben, z.B. mind. 3x Ultraschall während der Schwangerschaft und Feindiagnostik > Tendenz steigend, festgelegt in Mutterschaftsrichtlinien (Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen)
– invasive Methoden wie Fruchtwasseruntersuchung, Plazentapunktion, Nabelschnurpunktion etc. nicht risikolos, noch nicht Standard
– trotz mittlerweile sehr genauer Analysetechniken immer nur Schätzung, Prognose, keine Sicherheit
– differenzierte Pränataldiagnostiik > bei entsprechender Prognose wird Abtreibung nahe gelegt
> schafft Angst und Sorge während der Schwangerschaft
– Beispiel Gynäkologin: Hinweis, vor Entscheidung zur weiteren Pränataldiagnostik bereits zu überlegen, ob das Leben des Kindes durch eventuelle Ergebnisse in Frage gestellt wird
– emotionale Mutter-Kind-Bindung wird belastet
– „Recht auf ein gesundes Kind“
– Bevölkerungspolitik (Eugenik) > die Geburt von Kindern mit Behinderungen wird im Vorfeld verhindert
– 9 von 10 Frauen lassen bei der Prognose Trisomie abtreiben, obwohl behinderte Kinder bessere Überlebenschancen und Lebensqualität haben als je zuvor
> Verantwortung für Behinderungen des Neugeborenen werden auf die Eltern geschoben, aus Anspruch der Vermeidbarkeit heraus
> Eltern von Kindern mit Trisomie 21 werden vor die Frage gestellt, warum sie keine ausreichende Pränataldiagnostik machen lassen haben > „Das muss doch nicht sein!“
– bei medizinischer Indikation keine gesetzliche Altersobergrenze für Fetozid / Schwangerschaftsabbruch
– Reform § 218 1995: von embryopathischer Indikation zu medizinischer > Gefahr für körperliche und seelische Gesundheit der Schwangeren

Eugenik historisch
– Bevölkerungspolitik durch Kontrolle der Vererbung
– vor allem in Kritik geraten durch Eugenik der Nationalsozialisten, aber auch in vielen anderen Staaten bis ins 20.Jh. hinein populär: USA, Kanada, Skandinavien
– Beispiel: Schweden 1909 Schwedische Gesellschaft für Rassenhygiene, umfassendes Eugenikprogramm, 1935 erstes Sterilisationsgesetz: Zwangssterilisation „geistig zurückgebliebener Menschen bei zu erwartenden Erbschäden“ aufgrund zweier ärztlicher Gutachten, 1941 erweitert um soziale Indikation, so z.B. Alkoholismus, gültig bis 1976
– Sowjetunion: grundsätzliche Ablehnung der Eugenik – Lebensbedingungen, Bildung und soziales Umfeld werden für die Entwicklung des Menschen verantwortlich gemacht
– in Deutschland nach 1945 grundsätzliche Ablehnung der Eugenik in Reaktion auf Nationalsozialismus
– aber: bis in die 60er Jahre zahlreiche wissenschaftliche Vertreter der Eugenik an den Universitäten
– in BRD bis 1992 jährlich geschätzt 1000 geistig behinderte Frauen gegen oder ohne ihre Einwilligung zwangssterilisiert
– bis November 2003 blieb Zwangssterilisierung geistig behinderter Frauen grundsätzlich ohne medizinische Indikation möglich
– Schwangerschaftsabbrüche mit „embryopathischer Indikation“ in BRD und DDR erlaubt bzw. toleriert



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