Schrittzähler, Pulsmesser, Körpertracker.

Selbstoptimierung zwischen Ausbeutung und Gesundheit. Wie digitale Medien unser Bild von uns selbst verändern.

Gesundheit

Wir haben uns mit der Frage befasst, wie sich unser heutiger Begriff von Gesundheit entwickelt und verändert hat. Dabei haben wir sowohl historische Aspekte beleuchtet, als auch kulturelle. So ist z.B. im Mittelalter Krankheit als eine Strafe Gottes bzw. als Schicksal interpretiert worden. Wohingegen heute Krankheit durch gesundheitsbewußtes Handeln als vermeidbar gilt. Im westeuropäischen Raum ist Medizin sehr stark datenbezogen, beruht auf der Erhebung von Daten, der Erstellung von Statistiken und Festlegung von Grenz- und Normwerten. Dem gegenüber stehen z.B. medizinische Ansätze aus Fernost, die das Individuum ganzheitlich in den Blick nehmen.

Wir haben uns die Frage gestellt, was Gesundheit für uns individuell bedeutet. Die Definition der WHO zu Gesundheit: „Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.“

Es wurde die These aufgestellt, dass es einen Paradigmenwechsel gegeben hat hin zu mehr Eigenverantwortlichkeit für die eigene Gesundheit. Dies wird unterstützt u.a. durch staatliche Präventionsprogramme, vor allem der BZGA, Bonusprogramme der Krankenkassen und Gesundheitsdiskurse in den Medien.

Die Themen Gesundheit und staatliche Kontrolle, medizinische Versorgung im Kapitalismus und Soziale Ungleichheit/Gesundheit konnte aus Zeitgründen nur gestreift werden. Wurden aber im Block „Körper und Arbeit“ aufgegriffen.

1. Was ist Gesundheit?
– Gesundheit individuell verschieden erlebt > Abwesenheit von (diagnostizierbarer) Krankheit?
– Definition der WHO: „Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.“
– nicht alles messbar, nicht alles durch Ärzte diagnostizierbar, sondern eigenes Körperbewusstsein gefragt > individuelles Befinden, nicht messbares wird nicht berücksichtigt > Normierung, Verlust des Gefühls für den eigenen Körper
– besonders „soziales Wohlergehen“ nimmt gesellschaftlichen Verhältnisse in Blick > nur bedingt von dem Individuum beeinflussbar, Lebensbedingungen: sozialer Status, Wohnort, Arbeitsbedingungen, finanzielle Resourcen, soziales Netz
– Zusammenhang von Körper und Psyche

2. Perspektive auf Krankheit historisch
– im Altertum: Auslöser durch böse Dämonen oder strafende Götter > Heilung durch Rituale, kultische Reinheit
– Antike: 5. Jh. v.C. Beginn der „rationalen Medizin“ > Körperbeobachtung und Einflussnahme auf seine Physis, Erkenntnisse vor allem auf Griechische Ärzte zurückzuführen
– bis ins Mittelalter: byzantinische und arabische Medizin bewahrte Erkenntnisse aus der Antike, europäische Medizin recht unberührt von früheren Erkenntnissen (mit Ausnahme der Klostermedizin beruhend auf Heilkräutern) Ursache Schicksal oder Gottesstrafe
– Erst im 13 Jh. über Spanien Einflüsse der vergleichsweise hochentwickelten arabischen Medizin, über Italien (> Byzanz, Konstantinopel) wieder Zugang zu griechischen medizinischen Schriften
– In Europa: 16. Jh. „moderne Anatomie“ > Erkenntnisse über innere Organe und Blutkreislauf (In Antike, 16.Jh. v.C. bereits Schrift in der Herz und Blutgefässe beschrieben waren), enge Zusammenarbeit von Künstlern und Anatomen, z.B. Leonardo da Vincis anatomische Studien
– Anfang 19. Jh. Entdeckung der Zellen und Nerven, erste Erkenntnisse in Humangenetik, Bakteriologie, Mikrobiologie…
– Paradigma der Messbarkeit und Datenerhebung

3. Perspektive auf Krankheit kulturell
– Medizin, Perspektive auf Krankheit und Gesundheit nicht nur historisch, sondern auch kulturell verschieden > Beispiel Varianten der Traditionellen Chinesische Medizin, Verallgemeinerung von Grundprinzipien, aber Orientierung nicht so sehr an messbaren, normativen Daten, sondern an individuellem Befinden
– In Westeuropa starker Bezug auf messbare Daten, weniger auf ganzheitliche Betrachtung von Körper und Geist > empirische Festlegung von Grenzwerten und Normen, Krankheit wird als Abweichung von der Norm betrachtet > führt u.U. dazu, dass Menschen sich aufgrund von Messwerten und Diagnosen plötzlich „krank“ fühlen
– Grenzen der konventionellen Medizin > Aufkommendes Interesse und Akzeptanz von alternativen medizinischen Ansätzen
– Positive Erfahrungen mit alternativen Heilmethoden oft nicht mit anerkannten wissenschaftlichen Methoden nachvollziehbar > aber steht Heilungserfolg im Mittelpunkt oder Forschungsinteresse und Wissenschaftsstandort?

4. Paradigmenwechsel hin zu Eigenverantwortlichkeit
– Arzt-Patient-Beziehung > der „mündige Patient“, der über seine Krankheit bescheid weiß und dem Arzt/ der Ärztin Vorschläge macht, qualifizierte Fragen stellt etc.
– andererseits Ärzt*innen, die nur auf Nachfrage ihre*n Patient*in aufklären
– Rückgriff auf Gesundheitswissen im www, Gesundheits-Apps, Wissen als Umgang mit Krankheit
– Strukturen in Krankenhäusern: Krankenhaus als betriebswirtschaftliches Unternehmen > wer sich nicht um sich selbst kümmern kann, stirbt im Ernstfall früher
– moderne Medizin verspricht sich größere Heilungserfolge durch Kooperation, aber: Patient*innengespräch bekommen Ärzte nur unzureichend bezahlt > Gespräche fallen häufig zu kurz aus, Auskünfte des Patienten werden überhört, bzw. können nicht ausreichend beschrieben werden, Aufklärung des Patienten über Diagnose und deren Folgen unzureichend > Vertrauensverhältnis wird durch Gesprächsmangel erschwert
– Dialogische und psychosoziale Kompetenz in früherer Medizinerausbildung vernachlässigt
– freie Arztwahl > Erfahrung von sehr verschiedenen Ansichten verschiedener Ärzt*innen, Zweitmeinung
– mit Fortschritt der Medizin, Illusion der Kontrolle der Gesundheit, Beispiel Präventionsprogramme, Überwachung bestimmter Körperdaten > persönliches Interesse an Gesundheit wird staatlich gefördert bzw. forciert
– Krankheit wird nicht mehr als natürlicher Teil des Lebens und als Schicksal gesehen, sondern als vermeidbar durch Lebensweise > stärkerer Druck auf Kranke, Akzeptanz von Krankheit wird erschwert

5. Eigenverantwortlichkeit, aber mit staatlicher Überwachung
– im Sinne des Kapitals Interesse an arbeitsfähigen Lohnabhängigen > ungesunde Lebensweisen werden bekämpft, z.B. staatliche Impfprogramme, Rauchverbot
– staatliche Präventionsprogramme (Kenn Dein Limit, Geschlechtskrankheiten etc.)
– Gesundheitsbewußte Lebensweise als oberstes Gebot > risikoreiche Lebensführung wird stigmatisiert in Bezug auf „Solidargemeinschaft“
– Normalisierung gesundheitorientierten Handelns, statt über Zwang wird über Technologien des Selbst (Foucault, „ein/e gute/r Staatsbürger/in sein zu wollen“) Gesundheit als Prinzip der Lebensführung durchgesetzt
– Forderung nach mehr Eigenverantwortung > Ernährung, Sport, Stressabbau
– aber: die Lebens- bzw. Arbeitsbedingungen selbst bleiben nahezu unangetastet > Lohnabhängige sind selbst für Wiederherstellung ihrer Arbeitskraft verantwortlich
> dennoch betriebliche Gesundheitsmaßnahmen, Wearables in Betrieben zur Überwachung des Stresslevels: Kontrolle der Atmung, Bewegung, Sprechtempo
– Beispiele für die Übertragung von Verantwortung an den Patienten > Bonusprogramme der Krankenkassen, Selftracking
– gestaffelte Gesundheitsvorsorge, z.B. bei Zusatzversicherungen gemessen am Lebensalter und Vorerkrankungen
– Debatten um Risikopatient*innen > Solidarisches Prinzip der Kassenversorgung wird aufgeweicht

6. Gesundheit und soziale Ungleichheit
– Armut macht krank, die durchschnittliche Lebenserwartung innerhalb der Bevölkerung variiert bis zu 7 Jahre, abhängig vom sozioökonomischen Hintergrund
> verschiedene Studien haben festgestellt, dass je schlechter die sozioökonomischen Bedingungen, desto höher Krankheitsrisiko und früher Tod
– verschiedene Erklärungsansätze, differenziert und plausibel: „Lebenslaufperspektive“
> kooperative Entstehung von Gesundheit und sozialer Stellung – niedrige soziale Stellung macht krank und umgekehrt birgt (lange) Krankheit die Gefahr des sozialen Abstiegs
– mangelhafte Ernährung und Stress in jungen Jahren führt z.B. zu einem erhöhten Krankheitsrisiko im Erwachsenenalter
– prekäre Arbeits- und Lebensbedingungen führen zu erhöhter Bereitschaft zum Drogenkonsum
> Klassismus, Stigmatisierung aufgrund der Lebensweise
– Vererbung der Armut, Vererbung der schlechteren Gesundheit
– Habitus nach Bourdieu: gesundheitsriskantes Verhalten als Abgrenzung und Erhalt der sozialen Stellung & Identität („Bier schuf diesen Körper“…)

7. medizinische Versorgung im Kapitalismus
– neue Krankheitsbilder, für die Arznei produziert werden > ADHS, erhöhter Cholisterinspiegel, Depression
– weltweite Forschung zu Erkrankungen der westlichen Industriestaaten, zahlungsfähige Patient*innen > Forschungen zu Leiden des globalen Südens extrem unterrepräsentiert
> Forschungsinteresse richtet sich nicht nach Häufigkeit und Schwere der Krankheit sondern nach Zahlungsfähigkeit der betroffenen Bevölkerung
– Strategische Allgegenwärtigkeit > wie Pharmakonzerne Krankheitsbilder etablieren und mit Hilfe von Marketingstrategen ihre Medikamente verkaufen (Arte-Doku):

https://www.youtube.com/watch?v=YuQ21ZWCLwc

Der Roman von Juli Zeh „Corpus Delicti“ ist zum Thema Staatliche Gesundheitskontrolle und Dogma Gesundheitsbewußte Lebensweise sehr lesenswert. Eine Dystopie.



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