Schrittzähler, Pulsmesser, Körpertracker.

Selbstoptimierung zwischen Ausbeutung und Gesundheit. Wie digitale Medien unser Bild von uns selbst verändern.

Biopolitik und Lebensstilpolitik: Design Your Life?

Biopolitik und Lebensstilpolitik

Im Zeitalter von Digitalität spielen Individualisierung – Vernetzung – Ästhetik eine zentrale Rolle bei der Bestimmung von Identitäten. Gleichzeitig kommt es zu Machtungleichgewichten zwischen Bürger_innen, Staat und Wirtschaft.

Digitalität verstärkt die Verknüpfung von gelebtem Leben und standardisiertem Objekt (Diederichsen). Das Individuum begreift sich zum einen als einzigartiger Mensch und gleichzeitig verknüpft es sich in der Internetkommunikation mit technischen Artefakten und konsum-ästhetischen Markenbildern. In diesem Sinne macht sich der Mensch bei seiner Identitätsbestimmung selbst zur Ware, einer bestimmten „Sorte, Marke, Type, Ding“. Identität wird zum Gegenstand ästhetischer Zurschaustellung des Körpers (wie schon bei Bolz) als „Bio-Politik einer Charisma-Produktion“. Robert Kurz (1999) beschreibt die Ästhetisierung noch schärfer und diagnostiziert für die Postmoderne, das Gesellschaftskritik von Trendforschung abgelöst wird. Die Frage der Identität reduziert sich bei ihm auf ein warenästhetisches Design, des Ichs als „Gesamtkunstwerkes“.

Dies führt auch zu einer Zunahme von Kulturindustrie und biopolitischem Entertainment (siehe etwa TV-Formate wie “Endlich Schön”, “Biggest Loser” usw.) einer „Bio-Politik der Charisma-Produktion“.

Ein wichtiger Aspekt ist für identitätsstiftende (Selbst)Verortung in der Digitalitäts-Gesellschaft der 2010er Jahre also die individuelle Optimierung und die Zurschaustellung im, mit und für soziale Kollektive.

Bio-Politik

Michel  Foucault spricht von Identität als

„(…) ein Vollzug – eine bewusste und unbewusste Tätigkeit in Auseinandersetzung mit kulturellen Deutungsmustern und Artefakten, die körperliche Erfahrung hervorrufen, die als Ausdruck des natürlichen Leibes interpretiert werden.“[9] Das „Wort Subjekt [hat] (…) einen zweifachen Sinn: vermittels Kontrolle und Abhängigkeit jemandem unterworfen sein und durch Bewusstsein und Selbsterkenntnis seiner eigenen Identität verhaftet sein.“ (Foucault 1994, 246f)

Diese Körperbezogenheit findet sich in Foucaults Begriffen von Bio-Macht und Bio-Politk.

Bio-Macht ist “die sorgfältige Verwaltung des Körpers und die rechnerische Planung des Körpers”. (Foucault 1976:  S. 166f)

Auch hier entfalten sich die Ebenen individuell und kollektiv.

Bio-Politik als “Eintritt des Lebens und seiner Mechanismen in den Bereich der bewussten Kalküle und die Verwandlung des Macht-Wissens in einen Transformationsagenten des menschlichen Lebens” (Foucault 1976, S. 170)

Hinsichtlich des Handelns und Erlebens des Einzelnen gilt das Modell des »Körpers als Maschine«: „Seine Dressur, die Steigerung seiner Fähigkeiten, die Ausnutzung seiner Kräfte, das parallele Anwachsen seiner Nützlichkeit und seiner Gelehrigkeit, seine Integration in wirksame und ökonomische Kontrollsysteme“ (Foucault, 1977, S. 166).

Es geht um die politische Anatomie des menschlichen Körpers als das zu kontrollierende und zu beeinflussende Objekt der Macht: „Die Fortpflanzung, die Geburten- und die Sterblichkeitsrate, die Gesundheitsniveaus, die Lebensdauer, die Langlebigkeit mit allen ihren Variationsbedingungen wurden zum Gegenstand eingreifender Maßnahmen und regulierender Kontrollen(Foucault, 1977, S. 166).

Die Bio-Politik entfaltet durch Demographie, ökonomische Analysen und Verwaltungsmodelle eine Praxis der Einflussnahme auf die Bevölkerung im Ganzen. (vgl. Kögler, 2004, S. 95)

Quelle: http://philo.at/wiki/index.php/Der_Machtbegriff_bei_Foucault#Bio-Macht

Lebensstilpolitik

Im Zeitalter von Digitalität sind vor allen in Online-Räumen neue Arten von Konsum  (Norbert Bolz 2012) entstanden

  • Ein sozialer Konsum als eine Art von Konsum bei dem

„immer mehr Leute bereit sind, Dinge, die sie selber produziert haben, zu verschenken und zwar Programme zu verschenken, Ideen zu verschenken, Informationen zu verschenken. Zu teilen und zu verschenken, das sind große Stichworte“ (Norbert Bolz 2012).

  • Demgegenüber entwickelt sich aber auch ein Konsum des Sozialen in dem der Wunsch nach

Teilnahme, Dabeisein, Mitmachen“ (ebd.) im Mittelpunkt steht. „Wir haben es mit Kunden, mit Usern, mit Bürgern zu tun heute, die überhaupt noch reagieren, wenn sie auf Augenhöhe angesprochen werden von den Systemen Politik, Wirtschaft und Technik. Also nur dann, wenn sie ernst genommen werden als tatsächliche Teilnehmer einer Diskussion oder Teilnehmer von Entscheidungsprozessen. Das ist eben möglich geworden durch diese Infrastruktur der gesellschaftlichen Kommunikation, die das Internet bereitgestellt hat. […] Die Leute wollen mitreden, und zwar auf der Ebene der Experten, wenn Sie so wollen. Denn diese Expertenkulturen habe in der Selbstorganisation der Laien eine sehr massive Konkurrenz bekommen.“ (Norbert Bolz 2012).

Diese neuen Konsumformen betonen das Soziale und stellen gleichzeitig Autoritäten von „Expertenkulturen“ in Frage. Als weitere Erkenntnis spricht Bolz (im Habermas´chen Sinne) von einem „neuen Strukturwandel von Öffentlichkeit“ mit zweierlei Symptomen:

  • Verlust von Privatsphäre und Privatem durch das unablässige Abgreifen von Benutzerdaten während der Nutzung von Diensten im Internet.
  • Eine veränderte Art der Identitätsbildung durch das Internet, einer „Leidenschaft, sich in der Öffentlichkeit zu exponieren, ein Bild in der Öffentlichkeit abzugeben, dadurch Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und zu faszinieren“.

Hier sieht man wieder oben beschriebene Phänomene der Ästhetisierung von Lebenswelt aber auch Politik. Identitätsbildung und Selbstverwirklichung sind dabei von ökonomischen Logiken, wie „Produktauswahl und Konsumverhalten“ abhängig (Blühdorn 2006: 74).

Politische Kultur, als die subjektive Dimension von Politik, einen kollektiv geteilten, meist unbewussten politischen Code, der Denken, Handeln und Fühlen steuern kann ist als Bestandteil von Identitäten diesen Prozessen auch ausgesetzt.

Ästhetik und Lebensstil als Ausdruck von Persönlichkeit (Schoen 2012: 49) finden sich in neuen Ausdrucksformen politischer Partizipation und der gesteigerten Betonung von Selbstentfaltungswerten (Baringhorst 2012b: 3) und haben somit Einfluss auf politische Werte. Politischer Konsum ist hierbei eine neue Form kreativer politischer Partizipation und ist „nach der Wahlbeteiligung die wohl am stärksten verbreitete Form politischer Partizipation” (Baringhorst 2012: 39). Hierin wird deutlich wie stark Medien, Massenkunst und Markenkonsum Einfluss haben auf nun politische Konfigurationen.

 

Beispiele hierfür sind z.B.

Körper und Ästhetik im Protest:

Konsumenten politisieren sich

Werbung:

1984

Digital Lifestyle:

T-Online Travel 2001

Apple I Pod 2001

Design your life:

Telekom Digitale Welt 2013

Apple Dein Vers 2014

Mehr noch hier:

http://www.digitalität-und-identität.de

diesen Text findet ihr hier als PDF

 



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