Nick Simon: Laudatio

Lieber Hinrich,

den Reigen persönlicher Würdigungen eröffnen zu dürfen ist eine Freude, mehr noch aber eine große Ehre.

Um wie vieles angemessener wäre es jedoch, wenn jetzt Reiner Hoffmann hier sein könnte. Du hättest es wahrlich verdient, vom amtierenden DGB-Vorsitzenden für Deine Leistungen gewürdigt und bedankt zu werden. Und inhaltlich könnte Niemand besser über Dich sprechen als er, hat er doch -gemeinsam mit Ulrich Mückenberger -schon vor zwanzig Jahren das Freundschaftsbuch für Dich realisiert: Die Wahrheit der Träume.

Diese Ehrung kam früh, früher jedenfalls als in akademischen Kreisen üblich. Es war aber der Beweis für die hohe Wertschätzung, die Dir auch damals schon entgegengebracht wurde. Noch heute macht es Spass, wenn man liest, wie viele Weggefährtinnen und Weggefährten Dir bereits zum 60sten Geburtstag ihre Anerkennung und Freundschaft entgegengebracht heben. So gesehen ist die heutige Veranstaltung nur als Bekräftigung des längst zum Ausdruck gebrachten Respekts vor Deinen Leistungen für die deutschen Gewerkschaften zu verstehen und auch als Ausdruck nicht abnehmender Zuneigung zur Person Hinrich Oetjen.

Oskar Negt hat bereits in “Wahrheit der Träume” auf Deine besondere Stellung hingewiesen: “So konnte es Dir (schreibt er) gelingen, auf der sicheren Grundlage von zwei wirklichen Schulen so etwas wie eine gewerkschaftliche Schulbildung zustande zu bringen, was, wie ich sicher bin, keinem anderen Schulleiter einer Gewerkschaftsschule der Bundesrepublik bisher geglückt ist”.

Wo Oskar Recht hatte, hat er auch heute noch Recht! Du wärst garantiert auch ein exponiertes Vorstandsmitglied der IG Chemie, Papier, Keramik oder des DGB geworden. Fakt ist: Du bist der über alle anderen Schulleiter herausragende Leiter zuerst des Hauses der Gewerkschaftjugend und danach der Bundesschule in Hattingen geworden. Das wissen alle, das ist unbestritten und deshalb ist es auch mehr als folgerichtig, wenn Du heute aus Anlass von 40 Jahren DGB Bildungswerk -BUND geehrt und gefeiert wirst.

Werkzeugmacher gelten als Facharbeiterelite, sie sind es. IG Metall·Vorsitzende beginnen gewöhnlich ihre Karriere in diesem Beruf. Du bist stolz auf diesen Beruf, auch wenn Dir die Ausübung keinen Spaß gemacht hat, wie Du betonst. Wenigstens war es bei Borgward mit den Autos besser als zuvor mit den Silberlöffeln. Für Deinen Weg als hauptamtlicher Gewerkschafter ist es vielleicht bedeutsamer, dass Du bereits in Deinem Lehrbetrieb Jugendvertreter, genauer gesagt “Branchenjugendvertreter” für die vier Bremer Silberwarenbetriebe warst, bei Borgward dann Vertrauensmann. Bevor Du 1970 Schulleiter in Oberursel wurdest, warst Du beim DGB in Hameln angestellt, wurdest 1960 Zentraler Jugendsekretär der Gewerkschaft Leder in Stuttgart und danach, 1963, Bundesjugendsekretär bei der IG Chemie, Papier, Keramik -dann auch genannt “Bundes-Hinrich”.

Mit 37 Jahren wurdest Du DGB-Schulleiter. Dein intellektuelles Kapital und Deine Erfahrung als Hauptamtlicher -besonders aus der Jugend-und Bildungsarbeit waren derart breit anerkannt, dass Du der erste vom DGB-Bundesjugendausschuss gewählte Schulleiter in Oberursel wurdest, also nicht nur vom Vorstand ernannt. Inhaltlich besonders interessant waren Deine außergewöhnlichen und guten Kenntnisse von Theorie und Praxis der Reformpädagogik. Du hattest z.B. Kontakt zu Kentler und Giesecke. Es gab Beziehungen zu vielen SDSlern, die sich für die Arbeit mit und in Gewerkschaften interessierten. Allerdings hatte sich auch schon Werner Vitt, der leider kürzlich verstorben ist, dafür stark gemacht, dass Gewerkschaften auf Intellektuelle zugehen, dass eine stärkere Verknüpfung von Gewerkschaft und Wissenschaft angestrebt wird. Werner hat auch uns Jüngere noch nachhaltig beeindruckt und geprägt.

Auf jeden Fall: Dein Zugriff zielte von Anfang an hoch. Aus dem Haus der Gewerkschaftsjugend sollte ein Institut für Jugendarbeit”, eine Akademie, werden. Du erzählst in einem ausführlichen Interview mit Alfred Kolberg (der leider viel zu früh verstorben ist): Ich wollte einen vorwiegend aus Wissenschaftlern und Intellektuellen bestehenden Braintrust, der mich berät, mich aber auch gegen Angriffe aus der Organisation, mit denen ich rechnen musste, schützt”.

Ja -und um es abzukürzen -es ist Dir, lieber Hinrich, gelungen aus “Oberursel” ein Zentrum der gewerkschaftlichen Bildungs-und der Jugendarbeit zu formen, das sich durch innovative, kritische und besonders auch selbstkritische Bearbeitung von Inhalten und Formen profilierte und sich -bei viel Zuspruch, und auch sehr viel Widerspruch -ungeahnt entwickelte.

Deine Meisterschaft bestand -jedenfalls sehe ich das so -darin, die meisten Instrumente im politischen und pädagogischen Politikorchester selbst zu beherrschen, zumindest in ihrer Klangwirkung genauestens zu kennen. Das machte Dich zum Dirigenten, an dem sich alle ausrichten mussten, wenigstens sollten. Viele von uns haben das mit Freude und Leidenschaft getan. Natürlich gab es auch Viele, die sich nicht nach Deinem Taktstock richten wollten. Aber selbst die haben Deine Könnerschaft nicht in Zweifel gezogen. Du wurdest in kürzester Zeit der “Maestro”, der politische Lehrmeister im Sinne von “lenken und leiten” in der Gewerkschaftsjugend.

Die teilnehmerinnenfokussierte Bildungsarbeit, also “der” Erfahrungsansatz, kamen mit Dir auch im Haus der Gewerkschaftsjugend an. Abgelöst werden sollte der bis dahin übliche Frontalunterricht -ob das tatsächlich der Fall war, bezweifeln Einige. Vor allem ehemalige Mitstreiterinnen, also die Frauen, machen daraus auch noch heute keinen Hehl -und haben sicher in vielem Recht. Aus meiner Sicht lag Dein Hauptinteresse tatsächlich auch weniger bei Feinheiten der Pädagogik, als vielmehr bei inhaltlichen Diskussionen. Die inhaltliche Auseinandersetzung unbedingt auch mit und durch die Erfahrungen aller am Seminar Beteiligten wurde von Dir unermüdlich vorangetrieben. Etwas flapsig gesprochen: Es war wichtiger inhaltlich kompetent zu sein, denn als Teamerin oder Teamer methodisch besser oder schlechter mit dem Erfahrungsansatz umzugehen.

Es war wohl ein Kennzeichen von Oberursel, dass alles immer wieder kritisch befragt wurde: bringt die Qualifikationsentwicklung eine Dequalifizierung, eine Höherqualifizierung oder vielleicht etwas Drittes, eine Verallgemeinerung und Verflüssigung? Was taugt marxistische Ökonomie und speziell deren Krisentheorie, also der berüchtigte tendenzielle Fall der Profitrate, zur Erklärung aktueller Krisen? Wie vermittelt man das in der Bildungsarbeit? Was bedeuten für junge Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter Mitbestimmung, Selbstverwaltung und Genossenschaften? Ist Geschichte, besonders die der Arbeiterbewegung, mehr als ein Steinbruch? Was sind lehren, wenn es überhaupt welche gibt? Was wollen Bahro, Biermann, Havemann und Solidarnosc? Immer selbst alles lesend, immer auch selbst schreibend jagte Hinrich voran. Nie ohne die interessanten Gesprächspartner aus Wissenschaft und Praxis zu schonen und sich auch mit ansonsten geschätzten Mitstreitern anzulegen. Es gelang ihm jedenfalls, interessante, undogmatische Ideengeber einzuwerben und auch bei der Stange zu halten. Das konnte natürlich all jene nicht erfreuen, die andere Wertungen pflegten und andere politische Strategien verfolgten.

Hinrich zitierte mit diebischer Freude Tucholskys Spruch: “Der Vorteil der Klugheit besteht darin, dass sie sich dumm stellen kann -andersherum ist das schon schwieriger”! Hinter seinem Schreibtisch hing eine vergilbte Kopie mit zwei identischen Figuren, eine groß, die andere klein. Darunter stand: Der Hauptamtliche hat zu sein wie sein Vorsitzender -nur kleiner. Hinrich konnte Gegner reizen, intellektuell quälen, vorführen. Das haben ihm viele verübelt. Er wollte gestalten, Politik machen. Dabei ging er Risiken ein und überschritt Kompetenzen und Komment. Das tadelte selbst Werner Vitt, wenn Hinrichs Einflussversuche auch jenseits und gegen berufene Gremien erfolgten.

Es war eine Gratwanderung: Aber sollte darauf verzichtet werden, eindeutige Plagiate aus DDR -Geschichtsdarstellungen öffentlich zu machen? Nur um Vorstände nicht zu blamieren? Sollte aus Rücksicht auf Koexistenz-und Friedenskonzepte darauf verzichtet werden mit der DDR-Opposition und Solidarnosc Solidarität zu üben? Vorauseilende Unterwerfung, Verbiegen von Ansichten, Verzicht auf Klarsteilung war Hinrichs Sache nie. Zur Not musste eben in Schweijkscher Manier ein Weg gefunden werden. Wenn ab Januar 1978 im DGB eindeutige graue Papiere aus den beiden Abteilungen, Organisation und Jugend, kursierten, die zwar deutlich eine kommunistische Unterwanderung der DGB-Jugendarbeit am Beispiel der Bundesjugendkonferenz vom Dezember 1977 thematisierten, aber die nicht öffentlich werden sollten, musste eben ein “nicht bestelltes” Gutachten erstellt werden, um eine breite Diskussion zu eröffnen.

Der Mut zur Regelverletzung beeindruckte Viele. Es gab aber auch den Vorwurf mangelnder Organisationsloyalität; darunter hat er sehr gelitten. Zumal er ja selbst manch einem aus dem eigenen Beritt deutlich die Grenzen für politische Betätigung gewiesen hat. In besagtem Gespräch mit Alfred Kolberg wird er nach seiner Doppelrolle als Neuerer und Ordnungsfaktor gefragt. “Diese Balance ist für mich immer das Schwierigste gewesen. Das war das Unangenehme, oft nur schwer Erträgliche an dem Job. (…) Wenn man -wenn auch nur begrenzte -Erfolge haben will, muss man das akzeptieren. 40 Prozent Effizienz und 60 Prozent Diplomatie. Später in Hattingen wurde das Verhältnis noch drastischer”.

Hinrich, der 1933 geboren ist, wuchs in einer sozialdemokratischen, gewerkschaftlichen und den Nazis feindlichen Familie auf. Damit gingen entsprechende Erfahrungen und Risiken einher. Ohne Zweifel war das eine starke Prägung. Nach dem Krieg wollte Hinrich raus aus Deutschland, er wollte reisen. Dazu brachte er sich selbst Esparanto bei und fuhr nach Spanien und Schweden. Dorthin wollte er am liebsten sogar auswandern und die erste “Wohlstandserfahrung”, wie er es nennt, lässt ihn auch später nie mehr los. Er war immer ein halber Skandinavier. Ich habe niemanden in den Gewerkschaften kennen gelernt, der, so wie Hinrich und Marga in Oberursei, um Menschen bemüht gewesen wäre. Das Schulleiterhaus stand nicht nur immer offen, es wurden Alle ständig eingeladen, liebevoll verköstigt und mit Wein versorgt. Legendär waren Grünkohl mit Pinkel im Winter. Dieses Zugehen auf Menschen, dieses Einwerben, sich kümmern, helfen, zupacken -es ist nicht nur ein markanter Charakterzug und besonders liebenswert, es ist eine einmalige Art der Durchmischung von persönlicher und politischer Sphäre. Es versteht sich daher von selbst, dass diese Geselligkeit -nun mehr gemeinsam mit Marianne -auch in Hattingen gepflegt wurde.

Eine letzte Eigenschaft möchte ich gern ansprechen. Es ist eine früh entwickelte und stupende Fähigkeit zu moralischem und politischem Urteil. Dieses Urteilsvermögen nährt sich bei Hinrich aus Lebenserfahrung und Wissen. Wie kann gewerkschaftliche Bildungsarbeit dazu beitragen, solche moralische und politische Urteilskraft früh zu entwickeln und zu stärken? Das bleibt eine spannende Frage!

Im Jiddischen gibt es die Redewendung:”Jemand ist a mentsh”. Das hat Eingang ins Amerikanische gefunden. Leo Rosten definiert die Bedeutung von mentsh so:
Ein aufrechter, anständiger, ehrlicher Mensch. Ein Mensch von Bedeutung,
ein Vorbild, ein edler Mensch. Rosten sagt: es ist gar nicht leicht, den Respekt,
die Würde und die Zustimmung zu vermitteln, die in dem Begriff mitschwingt,
wenn jemand “a real mentsh” genannt wird.

Für mich ist Hinrich einer -und: Hundert Jahre soll er werden!

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