Die Story

  von Johann Fürchtegott

Ein Naturschauspiel so ein Wintergewitter. Weit am Horizont ein grandioses Wetterleuchten. Hell, Dunkel, Hell, Dunkel, alles ohne Donnergrollen. Ein apokalyptisch schöner Himmel. Farben, wie nur die Natur sie in einer einmaligen Intensität und Kreativität schaffen kann. Sogar die Masten und Rotorblätter der vielen Windräder auf dem nahen Hügel lebten und sahen aus wie tanzende Riesen. Schlanke tanzende Riesen in einer Disco im flackernden Licht der Stroboskoplampen. Das einzige dieses Schauspiel störende, war das leise Rauschen der nahen Autobahn.

Annas schlanke Figur kletterte behende einige Metern vor mir über den Zaun der das riesige Braunkohlekraftwerk umgab. Sie wirkte durchtrainiert sicher und sogar elegant in ihrer schwarzen Kleidung mit dem eng anliegenden Rucksack auf dem Rücken. Wenn nur dieser Husten nicht wäre, der Husten der kam wenn Anna sich anstrengte auch wenn alle ihrer Bewegungen so spielerisch leicht aussahen. Ich kletterte nach Anna über den Zaun.

Bevor wir uns auf den Weg über das Gelände machten platzierte ich Kletterhaken an verdrillten Nylonseilen die Anna aus ihrem Rucksack fischte unter ausgerupftem Gras, markierte dann die Stelle im Zaun durch eine wie vom Wind dorthin gewehte Zeitung. Zerknautscht und befestigt mit zwei Kabelbindern die das Blatt vor dem Herunterfallen schützten hatte ich alles so angebracht, dass nichts auffiel. So war der Weg zurück über den Zaun für Eingeweihte gut sichtbar markiert.

Ich drehte mich um. Anna hatte die ganze Zeit schon das Gelände beobachtet. Das Kraftwerksgelände lag still und verschlafen vor uns. Die Gebäude der Turbinen, große schlafende Elefanten. Kein Mensch war zu sehen. Die vielen Bürogebäude lagen wie Plattenbausiedlungen zu Fuß der großen Kühltürme, von innen einige hell erleuchtet aber ohne Bewegung. Die Straßen und Wege verlassen im warmen Licht der gelblich scheinenden Straßenlaternen.

Es war ein Uhr nachts, Rosenmontag. Ein Tag an dem viele Mitarbeiter wohl frei hatten und alles auf dem Gelände auch etwas ruhiger laufen sollte. Köln und Aachen dürften für viele Angestellte des Kraftwerkes heute das Ziel sein um ihrer rheinischen Frohnatur Genüge zu tun.

Wir beide hatten den Plan der Gebäude auf dem Kraftwerkgelände im Kopf und bewegten uns zielstrebig in Richtung großes Turbinenhaus.

Eine Stelle auf unserem Weg war ohne entdeckt zu werden schwierig zu meistern. Wir wussten, dass nachts mehr Kameras scharfgeschaltet waren und auf Bewegung reagierten. Wussten aber auch, dass bei entsprechend langsamen Unterkriechen der Sensorkegel die Melder nicht ansprechen.

Anna und ich setzten die matt schwarz lackierten Restlicht- Infrarotbrillen auf, danach kurzes flüsterndes Absprechen der Vorgehensweise, gefolgt vom Niederknien im seitlichen Abstand von einigen Zentimetern voneinander. Dann legten wir uns auf dem Bauch auf die Wiese und robbten im Zeitlupentempo vorwärts. Jede Bewegung in gähnender Langsamkeit. Sollten wir entdeckt werden würden die sich einschaltenden Infrarot-Scheinwerfer der Anlage alles in helles unsichtbares Licht tauchen was wir durch unsere Infrarotbrillen sehen konnten. Dies wäre das Signal zum sofortigen Rückzug zum Zaun.

Der Boden war ein wenig feucht, wahrscheinlich durch den Wasserdampf der großen Kühltürme. Die Feuchtigkeit war nicht unangenehm, das Gras duftete natürlich und frisch es erinnerte an die Tage meiner Kindheit in einem kleinen dem Dorf im Taunus.

Dunkle, wasserdichte Funktionskleidung aus einem Outdoorladen. Gekauft in einem anderen Teil Deutschlands schloss unsere Körper ein. Leichtwanderschuhe mit griffigem Profil halfen beim Robben. Die Gesichter waren schwarz geschminkt und die Hände steckten in Arbeitshandschuhen die aber eine gewisse Feinmotorik zuließen. Eine dunkle Mütze versteckte Annas lange blonden Haare und meine rotbraune noch recht dichte Frisur. Bewusster Verzicht auf Sturmhauben, da diese doch irgendwie hinderlich waren, rundete unsere Bild für andere ab.

Ein leises „Psst“ von Anna wollte sagen, dass wir besser mit Gesten kommunizieren sollten.
Oft haben Sensormasten auch Mikrophon und Lautsprecher

Wir verständigten uns kurz und schweigend per Handzeichen, dass der Aktivbereich der Bewegungsmelder unterkrochen war. Trotzdem blieben Anna und ich auf dem Boden und
bewegten uns auf dem Bauch vorsichtig und ohne Hast vorwärts. Der Zeitplan stimmte. Schichtwechsel war morgens um 6 Uhr. Jetzt würde die nächtlich reduzierte Steuermannschaft in der Leitwarte eine ruhige Kugel schieben und dösen.

3 Aufgaben lagen vor uns, zwei davon nicht einfach und mit der Gefahr des Entdecktwerdens behaftet. Ein kompakter knapp A4 Blatt großer, lüfterloser Industrie PC der in meinem Rucksack auf seinen Einsatz wartete, musste in einem der Büros die an das Turbinenhaus angrenzten versteckt platziert, mit dem Strom- und Datennetz verbunden und gestartet werden. Der PC war schon vorbereitet und würde nach dem Start problemlos und still im Netz des Kraftwerks als trojanisches Pferd seinen Dienst verrichten. Die Adressen des Rechners und seine Rahmendaten waren dem Netz bekannt. Eine Praktikantin, Mitglied unserer Gruppe und gute Freundin von Anna und mir war seit mehreren Monaten in der Anlage beschäftigt und Lieferantin der benötigten internen Daten.
Der Rechner konnte nach seiner Installation von uns aus der Ferne gesteuert werden
Praktikantin Karla würde sich heute nach Dienstbeginn zudem telefonisch krankmelden.

Aufgabe 2 war die mit Abstand schwierigste. Im autonomen Datennetzwerk des Turbinenhauses musste unter den Augen der Bedienmannschaft ein USB Stick in einem der Rechner platziert werden. Die Bedienmannschaft durfte natürlich davon nichts mitbekommen und musste entsprechend anderweitig durch uns beschäftigt werden.

Die einfachste Aufgabe war, einen USB Stick auf einen der Wege zwischen den Gebäuden einfach wie verloren hinzulegen und auf die Interesse des Finders zu hoffen, der diesen präparierten Stick in einen Rechner der Anlage steckt um seiner Neugier Genüge zu tun.
Dieses Einstecken des Sticks war für unser Vorhaben nicht unbedingt notwendig, mehr so aus einer fixen Idee geborener Versuch einen zusätzlichen Joker in Form des kleinen USB Teils, mit seinem ansprechendem und neugierig machenden Aussehen, in der Hand zu haben.

Die Sache mit dem Rechner und dem ersten Stick waren dagegen lange geplant, unter den unterschiedlichsten Szenarien auf virtuellen Umgebungen, die denen des Kraftwerkes entsprachen, mehrfach durchgespielt, geändert und wieder ausprobiert.
Vielfaches Try and Error führte zu einem Ergebnis das so auch von Seiten zweier Informatiker in der Gruppe nicht mehr optimiert werden konnte.
Viele vielleicht auftretende Störgrößen sollten mit der Rechner- und Stickeigenen Software erkannt und neutralisiert im Orcus der bits und Bytes verschwinden.

„Merkst du was?“ Anna, neben mir robbend, legte ihre Hand auf meinen Unterarm und flüsterte mir die Frage ins Ohr. Ich nickte, hielt inne und lauschte in meinen Körper hinein, auch ich spürte das leichte Vibrieren des Bodens wohl hervorgerufen durch die arbeitenden Turbinen im Gebäude vor uns.

Der Zaun lag schon viele Meter hinter uns, der Geräuschpegel wurde etwas stärker. Ein gleichmäßiges Summen, nicht unangenehm von seiner Frequenz, lag in der Luft. Das ganze erinnerte mich an Hummeln in einem Lavendelfeld.
Diese gespürte Nähe zur Natur wohl durch das Robben im Gras ausgelöst rief in mir Vergleiche hervor die mich selbst innerlich schmunzeln ließen.

Wir würden wohl noch auf die Headsets verzichten können.

Unser Weg sollte uns über eine ungefähr 8m breite, asphaltierte Straße, mit einem parallel dazu verlaufendem Bürgersteig führen. Die Straße war durch Laternen erleuchtet welche 50 m voneinander entfernt auf einem schmalen Grasstreifen zwischen Straße und Fußgängerweg stehend den Asphalt in ein schummriges gelbes Licht tauchten. Die hohe Luftfeuchte der Kühltürme benetzte die Luft und wirkte wie ein leichter Nebel.

Unser Ziel war das 4stöckige hell gestrichene Bürogebäude das an den Bürgersteig angrenzte. Seine vom Erdgeschoß bis zum oberen Stockwerk gleichmäßig eingesetzten rechteckigen Fenster waren dunkel. Die Scheiben reflektierten das träge Licht der Laternen und sahen schmutzig aus.

Wir waren knapp 40 Minuten gekrochen, unser Zeitplan stimmte. „Wir laufen schnell über die Straße und treffen uns an der mittleren Eingangstür“ sagte ich zu Anna. Sie streckte den Daumen in die Luft und nickte mit dem Kopf.
Wir suchten uns die Mitte zwischen 2 Laternen aus, das versprach die größte Wahrscheinlichkeit von wem auch immer nicht gesehen zu werden.
Wichtig vor dem kurzen Sprint war das Überprüfen und Nachziehen der Rucksackgurte damit diese den Rucksack eng am Körper anliegen lassen und das Laufen durch einen hüpfenden Rucksackinhalt nicht behindert würde.

Wir rannten schnell über die Straße, verharrten kurz um uns schauend im Türrahmen. Anna hustete. Der kurze Sprint hatte sie wieder angestrengt. Die Tür war nicht verschlossen. Von Karla wussten wir, dass es keine Alarmanlagen in diesem Gebäude gab. Wir huschten hinein und gingen zielstrebig wie vielfach in den Wochen vorher im VR Raum mit Karlas Videos geübt zum Büro im Raum 1204. Unsere Infrarotstirnlampen und die Brillen ließen uns sicher und zügig unser Ziel erreichen.

Die Glastüren zu den Büros waren grundsätzlich unverschlossen. Wir gingen hinein und hockten uns auf den Boden um im schwachen Schein der Laternen keine bewegte Silhouette zu erzeugen.

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