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„… und am Ende wird meine Straße nicht mehr die gleiche sein“ – oder?

Wie beeinflussen sich zugezogene Künstler und alte Bewohner?

Welche Spuren wird dieses Experiment hinterlassen?

Das waren die Fragen, mit denen ich nach Mülheim gereist bin.

Zunächst hört sich alles sehr positiv an:

Von einem aus Österreich stammenden neuen Bewohner erfahren wir, dass eine libanesische Familie landestypische Speisen vorbereitet und anderen Bewohnern aus dem Libanon erzählt.

Ein Teil der Bewohner trifft sich einmal im Monat bei selbstgebackenem Kuchen zum Kaffeeklatsch.

Hausbewohner backen gemeinsam und wollen die gesammelten Rezepte in einem Buch veröffentlichen. Ein Künstler baut gemeinsam mit Kindern eine ratternde, knatternde Maschine aus Recyclingmaterialien, die mit Stiften malt.

Im Projektbüro gibt es eine „Kontakterin“, die für die Bewohner als Ansprechpartnerin zur Verfügung steht.

Sie kümmert sich um ganz praktische Fragen: Wo bekommt man ein Monatsticket, wo befindet sich das Einwohnermeldeamt, Koordination von Aufgaben für Hausmeister/Handwerker.

Hausbewohner auf dem Weg zum Einkaufen fragen, ob sie für andere Bewohner etwas mitbringen können, Hausaufgabenhilfe für Kinder wird im kleinen Rahmen organisiert, Bewohner, die in Urlaub fahren, lassen ihre Haustiere durch andere Bewohner betreuen.

Auf den zweiten Blick bietet sich mir ein differenzierteres Bild:

Die Bewohner, die uns im Treppenhaus begegneten, wirken auf mich entweder desinteressiert oder angenervt durch unsere Anwesenheit. Die ursprünglichen Bewohner wurden nicht gefragt, ob sie mit dem Projekt einverstanden sind. Dazu passt auch die Aussage einer Wissenschaftlerin, die das Projekt betreut und die Bewohner befragt hat: “Die beiden Gruppen leben aneinander vorbei“.

Daher war ich sehr gespannt auf den Besuch bei einem der Projektteilnehmer.

Nach einem freundlichen Empfang in seiner Wohnung erzählt er uns, dass er sich generell im Haus wohlfühlt und den Austausch mit den anderen Künstlern genießt. Er hat nur zu wenigen anderen Bewohnern Kontakt.

Wir fragen ihn, wer wen mehr beeinflusst hat.

Nach kurzem Überlegen antwortet er, dass er stärker vom Projekt beeinflusst wurde als die ursprünglichen Bewohner durch die Projektteilnehmer. Ob er nach dem Jahr dort weiterhin wohnen möchte? Er ist sich noch nicht sicher. Seine Aussage: „Wenn die anderen dann alle wieder weg sind, ist man ja hier alleine“.

Auch die sehr motivierte und freundliche Kontakterin sagt uns, dass es sich eher um eine Politik der kleinen Schritte handelt.

Es steht noch nicht fest, ob und in welchem Rahmen das Projektbüro nach 2010 weitergeführt wird.

Die Hoffnung, dass zukünftig Bewohner Auskunft zu Monatsticket und Hausmeister geben und so das Projektbüro weiterleben lassen, wirkt auf mich nach nur einem Jahr etwas illusorisch.

Auch ist noch nicht klar, ob und wie viele Projektteilnehmer nach 2010 dort wohnen bleiben.

Ein Teilnehmer unseres Seminars ist im Bereich der Bewertung von Gebäuden tätig. Nach seiner Erfahrung sind dauerhafte kommunikative Strukturen nur in Wohneinheiten bis zu 20 Parteien möglich. In Gebäuden mit mehr als 100 Wohneinheiten bleibt es langfristig anonym.

Ich befürchte, dass es sich um ein Leuchtturmprojekt handelt und die Straße die gleiche sein wird.


Categorised as: 2-3 Straßen, Ruhr2010


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