Selbststeuernde Fahrzeuge – Segen oder Fluch?

Inzwischen hat jeder Wagen der gehobenen Mittelklasse Spurhalteassistenten, Abstandshalter und Einparkhilfen. Tesla stellt seit einigen Jahren Serienfahrzeuge her, die fast allein ihren Weg durch den Verkehr von US-Kleinstädten finden und nur noch in Ausnahmesituationen menschliche Interaktion benötigen. Umso spektakulärer sind die Unfälle, wenn Menschen sich blind auf das Auto verlassen und auf dem Rücksitz herumkramen, während der Fahrassistent eine Situation katastrophal falsch einschätzt und unter einem LKW durchzufahren versucht, weil er ihn für ein niedrig hängendes Straßenschild hält.

Komplett ausgereift ist die Technik offenbar noch nicht, aber sie ist zumindest schon so weit entwickelt, dass wir uns auf sie verlassen – zu sehr, wie Kritiker anmerken. Zumindest scheint der Moment absehbar, in dem menschliche Fahrer durch Computer abgelöst werden. Im Moment ist die Situation absurd: Auf der einen Seite ermuntern uns die Autohersteller, uns entspannt im Fahrersitz zurückzulehnen und dem Wagen das Fahren zu überlassen. Auf der anderen Seite fordert der Gesetzgeber von uns, in jedem Moment bereit zu sein, in den Fahrvorgang einzugreifen. Von entspanntem Fahren ist also keine Rede, eher vom Gegenteil: Zwar dürfen wir das Lenkrad nicht anfassen, weil wir sonst mit der automatischen Steuerung ins Gehege kommen, aber wenn wir es nicht anfassen, verlieren wir in einer Gefahrensituation wertvolle Zeit und müssen uns später den Vorwurf gefallen lassen, nicht schnell genug eingegriffen zu haben. Befriedigend ist die Situation allenfalls für Anwälte, die sich bei der Beantwortung der Frage eine goldene Nase verdienen, ob bei einem Unfall der Mensch, der Autohersteller oder die Programmiererin der Steuerungssoftware zur Verantwortung gezogen wird.

Vor allem ist eine Situation ungeklärt, mit der Autofahrerinnen praktisch jeden Tag konfrontiert sind: Was passiert, wenn das selbststeuernde Fahrzeug beim Weg zur Arbeit in ein Wurmloch fährt und sich plötzlich mit demontierten Bremsen auf einer abschüssigen Straße befindet, bei der links die siebzigjährige, hochdekorierte Nobelpreisträgerin, rechts das vierjährige Kind befindet, dem eine Big-Data-Analyse prognostiziert hat, das Heilmittel gegen Krebs zu entwickeln. Wofür entscheidet sich das Auto, das selbstverständlich Komplettzugriff auf die Stasiakte aller auf der Straße befindlichen Personen besitzt? Tötet es die Nobelpreisträgerin, das Kind oder doch lieber die Fahrerin des Wagens, die es gerade einmal zu einem popeligen Master in Soziologie gebracht hat und sich mit dem Rentensystem nicht besonders zuträglichen Gelegenheitsjobs durchschlägt? Wenn der Computer schon eine solche Alltagssituation nicht meistert, wie soll er dann jemals rückwärts einparken können?

Nachtrag

Der Künstler und Netzaktivist padeluun stellt in einem seiner Vorträge eine Aufgabe, in der es darum geht, die Wahrscheinlichkeit zu berechnen, mit der jedes Planquadrat eines Stadtplans getroffen wird, wenn eine Bomberstaffel das Gebiet einmal zeilen- und einmal spaltenweise abfliegt und in bestimmten zeitlichen Abständen eine Bombe abwirft. Nach seiner Argumentation besteht der Fehler schon darin, die Rechenaufgabe überhaupt zu berechnen. Man müsste sie eigentlich schon aus moralischen Gründen ablehnen.

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Autor: jochim

Chaos Computer Club, Cryptoparty, Datenschutz

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